selbstgemaltes Kinderbild
selbstgemaltes Kinderbild  Foto: @ HMSI

Die Pandemie prägt zurzeit eine ganze Generation von jungen Menschen und deren Aufwachsen.

Hier schreibt dazu Miriam Zeleke, Landesbeauftragte für Kinder- und Jugendrechte. 

 

Kinderrechte in Zeiten von Corona

Wie ihr Tagesablauf morgen aussehen könnte, wissen Kinder und Jugendliche derzeit nur bedingt. Sie stehen vor großen Herausforderungen und Erwartungen. Diese Herausforderungen sind gekennzeichnet durch die Unvorhersehbarkeit der Corona-Situationen in ihrem unmittelbaren Umfeld und den Entscheidungen, die Erwachsene diesbezüglich treffen. Sie sind auch gekennzeichnet durch die eigenen Sorgen und Ängste, Bedürfnisse und Notwendigkeiten.

Betroffen hiervon sind alle Lebensbereiche: Krippe, Kita, Schule, Freundeskreis, Familie, Sport, Vereine und Freizeitgestaltung.

Fin, gerade 6 geworden, wäre eigentlich im Vorschulprojekt seiner Kita. Das kann aber aktuell nicht sattfinden, obwohl er sich sehr darauf gefreut hat. Seine Eltern erlebt er im Moment mehr gestresst als sonst, denn sie sind selbstständig im Messebau und wissen nicht genau, wie es weitergeht.

Leyla, 14 Jahre alt, ist momentan zu Hause und kann nicht in die Schule gehen. Es fallen einfach zu viele Lehrkräfte aus, als dass Unterricht verlässlich stattfinden könnte. Normalerweise geht sie gerne in den Mädchentreff in dem Ort, an dem sie wohnt. Der hat aktuell auch geschlossen. Ihre Eltern müssen mehr arbeiten als sonst, und sie ist häufig mit ihren Geschwistern alleine zu Hause.

Jule, 2 Jahre alt, besucht eine Krippe. Sie ist leicht entwicklungsverzögert, und ihre Eltern machen sich jetzt viele Sorgen: Wenn die Krippe wieder ausfällt, dann fehlt ihr der wichtige Übungs- und Entwicklungsraum, den sie braucht und in der Krippe mit den anderen Kindern vorfindet.

Can, 12, liebt Fußballspielen sehr. Und seine Mannschaft. Jetzt gerade kann das Training nicht stattfinden und auch keine Spiele. In der Schule werden aktuell viele Klassenarbeiten geschrieben, um die Versäumnisse aus dem Frühjahr aufzuholen. Das frustriert ihn sehr. Auch dass sein Bruder und sein Vater häufig schlecht gelaunt sind. Er weiß, dass sie auch gerade viel Stress haben.

Marla, 8, genießt die Zeit mit ihrer Mama und ihrem Bruder gerade sehr. Viele Termine können nicht stattfinden, und sie haben mehr Zeit füreinander. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen, wie es in der Schule weitergeht. In der Nachbarklasse war ein Junge an Covid-19 erkrankt, und alle Kinder mussten in Quarantäne. Das Lüften in der Klasse klappt zwar ganz gut. Aber so richtig geheuer ist es Marla nicht. Auch um Mamas Job macht sie sich sorgen. Der sei zwar sicher, sagt Mama, aber man weiß ja nie.

Elia, gerade 17 geworden, hat im Sommer seine Realschule abgeschlossen. Nun möchte er gerne die Fachhochschulreife erlangen und möchte ein Praktikum machen. Das braucht er, um im Anschluss studieren zu können. Einen Praktikumsplatz im Bereich Marketing findet er im Moment nicht. Viele Werbeagenturen wissen weder, wie es für sie weitergeht, noch können sie sich vorstellen, ein Praktikum zu begleiten. Das FSJ, dass er stattdessen in einer KiTa machen wollte, komm nun auch nicht zustande. Dass er im Sommer seinen Abschluss nicht gebührend feiern konnte, ist die eine Sache. Seine Angst vor der Zukunft wiegt viel schwerer. Halt findet er aktuell nur bei seinen Freunden, die er online trifft und die gerade ähnliche Erfahrungen machen.

Auch für Kinder und Jugendliche ist die Corona-Krise eine echte Krise. Die Schutzmaßnahmen vor dem Virus sind relevant und wichtig, sie machen Kinder und Jugendliche andererseits an vielen Stellen jedoch auch schutzloser. Denn Kinder und Jugendliche erleben die Krise in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Bezugspersonen, Erzieher*innen, Lehrer*innen, Trainer*innen... Die Abhängigkeit gibt es auch ohne Corona, sie wird nur durch Krisensituationen drängender. Unabhängig von diesen Krisen attestieren Kinder und Jugendlichen den Erwachsenen in vielen Studien häufig, dass diese sich nicht für die Meinungen, Einstellungen, Lebenssituationen und Gefühle der Jüngeren interessierten.

Dies ist aber auch die gute Chance für Erwachsene, zumindest zukünftig die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen stärker hör- und sichtbar zu machen, sie miteinzubeziehen, immer dann, wenn es sie betrifft, sowie deren Abhängigkeit zu reflektieren und einen Umgang mit der eigenen Macht zu finden. 

„Weißt du, Miriam“, sagte ein Kind, etwa 5 Jahre alt, neulich zu mir „die Kinder wachsen nämlich auch einfach, wenn die spielen“. Der teilweise Wegfall des Bildungsystems für Kinder und Jugendliche während der Corona-Krise öffnet überdies auch die Möglichkeit, das „Lernen“ der Kinder neu zu betrachten und festzustellen, dass auch und gerade jetzt Menschen, Kinder, Jugendliche vor allem in der Krise viel „lernen“ und sie zu echten Expert*innen macht.

Zurück in die Zukunft nach/mit Corona: Im besten Interesse der Kinder und Jugendlichen – im besten Interesse für Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche halten sich primär an Orten auf, die wir Erwachsene für sie vorgesehen haben. Das sind Krippen, Kitas, Schulen, der Jugendclub, die Vereine. Dies sind Orte des Lernens, aber am meisten Orte der Gemeinschaft und manchmal auch des Schutzes. Orte der Gemeinschaft, der Teilhabe an Gesellschaft und des Lernens können auch Spielplätze, Parkbänke, der Platz an der Eisdiele, der Bolzplatz, die Bushaltestelle und der Stadtpark sein –alle Orte, an denen Kinder und Jugendliche sichtbar werden und die sie sich aneignen.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben Kinder und Jugendliche auf diese Orte verzichtet, um sich und ihre Familien zu schützen. Was können wir Erwachsenen nun tun, um Kindern und Jugendlichen ihre Rechte wieder zugänglich zu machen, um ihnen unsere Wertschätzung und Anerkennung für ihre starken Einschränkungen zu zeigen?

Lernen – Die Rückkehr in den Regelbetrieb der Schule gestalten. Kinder und Jugendliche haben in den letzten Wochen große Anpassungsleistungen erbracht und individuelle Strategien entwickelt, um mit der Krise umzugehen. Lernen heißt auch, an sich selbst lernen. Aber auch unter den Bedingungen der Pandemie erwerben Kinder und Jugendliche Kompetenzen, die verdeutlicht und in ihre zukünftigen Entwicklungsprozesse einbezogen werden können.

Lebensorte – Die Pandemie hat gezeigt, dass die Orte der Kinder und Jugendlichen vielfältig sind und sich nicht nur auf Gebäude beschränken. Ein ganzer Sozialraum ist gefragt. Für die Zeit nach der Pandemie kann das bedeuten, dass Orte und Städte sich miteinander auf die Suche machen nach solchen Orten, Kinder und Jugendliche hierbei als Expertinnen und Experten sehen und gemeinsam auf Erkundung gehen: Was macht diesen Ort für Kinder und Jugendliche attraktiv? Was ermöglicht Gemeinschaft? Was stärkt ihre Sichtbarkeit?

Teilhabe – Teilhabe sind Besuche in Schwimmbad oder Kino, Klassenfahrten, Vereinsmitgliedschaft und -Leben. Teilhabe kann aber auch ein Handy sein, ein Tablet, der Besuch auf einem Kindergeburtstag, das Lernen eines Musikinstrumentes. Sich mit „Teilhabe“ zu befassen, ermöglicht einen breiten Zugang zu den Bedarfen der Kinder und Jugendlichen. Es lohnt sich, Kinder und Jugendliche nach ihren Bedarfen zu fragen, als Stadt, als Landkreis oder als Kommune und somit Kinder und Jugendliche bedarfsgerecht zu unterstützen – dann aber unkompliziert und zeitnah.

Umgang – Kinder und Jugendliche sind die Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt. Sie haben Rechte, und wir Erwachsenen müssen sie ihnen zugänglich machen. Dafür müssen wir Erwachsenen auch Expertinnen und Experten werden. Expertinnen und Experten für Empathie, für gute Fragen, für unsere eigenen Vorurteile und wie wir über uns selbst nachdenken.

Kinder und Jugendliche haben das Recht darauf, von uns sicher in die Welt getragen zu werden, sie verdienen unsere Wertschätzung und Anerkennung.

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